Tag 5 (15.02.08):
Heute steht die kürzeste, aber auch steilste Etappe auf dem Programm: der Weg von Hermigua zum Campingplatz "La Vista" in El Cedro. Gegenüber gestern Abend hat sich das Wetter wieder deutlich verschlechtert. Alles um uns herum ist nass und grau. Doch wir wollen heute auf jeden Fall weiterlaufen. Auf einen weiteren Tag in Hermigua, an dem wir untätig herumsitzen und auf bessere Zeiten warten, haben wir beide keine Lust.
Also werden die Rucksäcke gepackt, das Frühstück eingenommen und dann geht es auch schon los. Der Weg ist schnell gefunden und führt uns über steile Treppenstufen und Fahrwege aus Hermigua hinaus.
Nach einer guten halben Stunde verlassen wir die Asphaltstraße und wechseln auf einen kleinen Trampelpfad. Es macht uns beiden Spaß, wieder zu laufen, besonders da wir die letzten Häuser Hermiguas nun endgültig hinter uns gelassen haben und stattdessen in ein grünes Dickicht eingetaucht sind. Wir werfen einen Abschiedsblick zurück nach Hermigua, bevor wir uns an den Aufstieg machen.
Nach wenigen Minuten kommen uns zwei deutsche Wanderer entgegen, die über den selben Weg auf einer Tagestour nach El Cedro waren und nun umgekehrt sind. Sie warnen uns vor dem Weitergehen, da weiter oben der Weg durch die Nässe auf den Steinen extrem glatt und äußerst gefährlich sei.
Wir haben jedoch eigentlich keine andere Wahl, als diesen Weg nach oben zu nehmen. Nässe ist vorrangig beim Bergabgehen ein Problem und da wir den Weg nicht wieder zurückgehen müssen, entschließen wir uns, es auf jeden Fall so weit zu versuchen, bis mind. einer von uns ein Weitergehen als zu gefährlich erachtet.
Den höchsten Wasserfall La Gomeras, der von El Cedro in die Tiefe stürzt, können wir auf Grund des Regens fast gar nicht sehen.
Wir bringen die insgesamt 620 Höhenmeter des heutigen Tages trotz der widrigen Bodenverhältnisse recht schnell hinter uns. Auf Grund des unaufhörlichen Regens halten wir auch die Pausen und Fotounterbrechungen nur sehr kurz.
Durch geschickte Wegführung in langen Serpentinen ist der Aufstieg, der von unten fast unvorstellbar steil gewirkt hat, trotz der rutschigen Steine die meiste Zeit über recht angenehm zu bewältigen.
Stellenweise ist der Weg jedoch nur einen halben Meter breit und daneben geht es fast senkrecht abfallend in die Tiefe. Ich bin in der Tat heilfroh, dass wir diesen Weg nicht nach unten gehen müssen. Ich kann die Entscheidung zum Umkehren der beiden anderen Wanderer, die auch über diese Route wieder absteigen hätten müssen, sehr gut nachvollziehen.
Nach insgesamt etwas weniger als drei Stunden erreichen wir den Campingplatz "La Vista".
Draußen ist es inzwischen richtig kalt geworden, was durch die Nässe und den kalten Wind nur verschlimmert wird. Umso gemütlich ist da der mit einem Feuerofen beheizte Aufenthaltsraum des Campingplatzes. Wir lassen in der Nähe des Feuers unsere Klamotten trocknen und gönnen uns erstmal ein leckeres Mittagessen. Den restlichen Nachmittag verbringen wir damit, mit den anderen Gästen zu plaudern und zu lesen. Viele Gäste sind eh nicht da, außer uns nur noch ein irischer Tageswanderer, ein Franzose und ein deutsches Pärchen, die mit Biwacksäcken über die Insel laufen.
Besonders viel Redezeit nimmt der Franzose in Anspruch, der vor einigen Jahren seinem bürgerlichen Leben den Rücken gekehrt hat und nun als Aussteiger durch die Welt tingelt. Wenn es nach ihm ginge, müsste jeder Mensch es ihm gleich tun, alles stehen und liegen lassen und in die Natur ziehen. Außerdem sollten Schulen abgeschafft werden, da dort eh nur kapitalistische Grundwerte vermittelt werden. Die wahrhaft wichtige Lebensweisheiten erfährt man jedoch nur durch Meditation in der Natur. Nach einiger Zeit verfliegt der Unterhaltungswert seiner unreflektierten Ausführungen rasant und der "Krieger des Lichts", der mit seinen Gedanken die Regenwolken beiseite schieben will, ist nur noch nervig.
Als es Abend wird nutzen Anne und ich eine Pause des eiskalten Regens, um die Open-Air-Duschen auszuprobieren. Das warme Wasser tut richtig gut. Wir beeilen uns dennoch, um der kalten Luft zu entkommen und in unser Zelt und die kuschligen Schlafsäcke zu fliehen.
Dort lesen wir noch ein bißchen, bis wir wieder sehr früh einschlafen.
Die Waldläufer