Tag 5 (16.11.05)
Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die verschiedenen Gesichter der Drakensberge sind. Gestern noch hell und freundlich wirkt es heute wieder geheimnisvoll und mystisch, ja fast schon unheimlich.

Die Strecke, die wir heute noch zurücklegen müssen, führt uns die meiste Zeit bergab. Nur zwei kurze, dafür aber steile Anstiege sind noch zu bewältigen.
Gemütlich trotte ich hinter Anne her, als wir uns den letzten Aufstieg hochmühen. Anne entschwindet meinem Blickfeld, weil sie dem Weg um eine Felsen herum folgt. Plötzlich höre ich hinter dem Felsen
ein vertrautes Geräusch: Anne schreit überrascht auf. "Auf dem Weg liegt eine Schlange!!! Ich wär fast draufgestiegen!" Wow, ein Déjà Vu! Mit weit aufgerissenen Augen kommt sie mir entgegen gelaufen,
um die Kamera zu holen.
Schlangen sind wunderschöne Tiere und ich kann es nicht erwarten, eine aus der Nähe zu sehen. Und mit "Nähe" meine ich selbstverständlich sichere Entfernung.
Voller Vorfreude pirschen wir langsam um die Ecke. Auf dem Weg sehe ich ... nichts. Argh! Enttäuscht schwöre ich mir, dass ich Anne für den Rest des Urlaubs keine Sekunde mehr alleine lasse! Das ist
jetzt das dritte Mal, dass sie irgendein tolles Erlebnis ohne mich hat. Ich koche innerlich. Wie gerne hätte ich eines dieser wunderschönen Tiere aus der Nähe gesehen! Mit einem Funken Resthoffnung
suchen wir die nähere Umgebung ab. Und tatsächlich - ich kann mein Glück kaum fassen - liegt in ca. 1 m Entfernung eine vollgefressene, ausgewachsene Puffotter im Gras.
PuffotterAus respektvollem Abstand machen wir ein paar Fotos von der Schönheit, die auf Grund der niedrigen Temperaturen und der Maus in ihrem Bauch brav für die Bilder posiert. Wahrscheinlich war die
vorangegangene Mahlzeit auch der Grund, warum sie entgegen dem Charakter von Puffottern den Weg anstandslos für uns frei gemacht hat. Sie hatte wohl nicht mehr allzuviel Gift parat.
Ganz ehrlich, solche Begegnungen sind wahre Adrenalin- und Endorphin-Ausschütter!
Wir unterhalten uns über die spannende Begegnung mit der Schlange, während wir um einen weiteren Felsen herumlaufen. Als wir den Felsen passiert haben, tut sich vor uns eine weite Grasebene auf. Wir
können unseren Augen fast nicht trauen, als wir auf dieser Ebene dutzende von Antilopen sehen. Unserer Schätzung nach müssen es mindestens 80 sein. Als die grazilen Tiere auch uns bemerkt, kommt
Bewegung in die Herde und sie flieht mit flinken Bewegungen vor der scheinbaren Bedrohung durch uns in die weite Berglandschaft. Wir sind uns absolut sicher, dass es sich bei den Tieren um
Eland-Antilopen handelt. Die heiligen Tiere der San-Buschmänner! Diese Herde zu sehen, ist ein weiteres tief bewegendes Erlebnis für uns. Wir können unser Glück gar nicht fassen, diese Tiere in
freier Natur sehen zu dürfen. Und dazu auch noch in dieser Anzahl.


Sprachlos vor Glück wandern wir in leichtem Nieselregen die letzten Kilometer zum Ende des Trails, wo wir bei der Bushman's Nek Hut auf Andreas und Joachim warten. Wir haben den beiden
versprochen, dass sie bei uns mitfahren können, wenn Matthew uns mit unserem Auto abholt.
Vor dem Start des Trails hatten wir Matthew, dem Mitarbeiter der Sani Lodge, mit einem mulmigen Gefühl im Bauch die Schlüssel für unser Mietauto da gelassen, damit er uns am Ende des Trails abholen
könne. Dass wir Matthew letztendlich die Schlüssel anvertraut haben, war weniger im Vertrauen in ihn als in dem Mangel an Alternativen begründet.
Inzwischen sind auch unsere beiden Mitwanderer (da es zwischenzeitlich begonnen hat, richtig zu schütten, natürlich wieder völlig durchnässt) bei der Hütte angekommen. Ich rufe in der Lodge an, um
Matthew mitzuteilen, dass er jetzt losfahren könne. Die nette Dame am anderen Ende der Leitung teilt mir mit, dass Matthew im Moment nicht da sei. Sie werde es ihm aber ausrichten. Wir sollen einfach
warten, bis er kommt. Und so warten wir gemeinsam darauf, dass uns Matthew mit unserem Mietauto abholt.
Und wir warten...
und wir warten...
und wir warten...
Nach drei Stunden immer noch kein Zeichen von Matthew oder unserem Auto. In meinem Kopf male ich mir bereits Horrorszenarien aus, was wohl passiert sein könnte. Vielleicht ist er vollgekifft mit dem
Auto einen Abhang runtergestürzt. Oder er hat sich abgeseilt und das Auto verkauft. Oder... oder...
Auch eine erneute Anfrage bei der Rezeption der Sani Lodge trägt nicht wesentlich zur Erleichterung bei. Die Dame hat inzwischen in Erfahrung gebracht, dass Matthew heute seinen freien Tag habe und
nach Pietermaritzburg gefahren sei. Ich weiß sofort, dass er natürlich mit UNSEREM AUTO dahingefahren ist!! Nein, eine Handynummer habe sie nicht von Matthew. Wenn ich den Kerl in die Finger
bekomme...
Da wir uns von dem Gedanken, mit unserem Auto gemütlich abgeholt und nach Hause chauffiert zu werden, verabschiedet haben, geht es daran, Alternativpläne zu erarbeiten. Irgendwie gar nicht so leicht,
wie sich herausstellt. Trampen scheidet aus, weil hier die letzten Stunden kein einziges Auto vorbei gekommen ist. Und Busse verkehren hier auch nicht.
Nebenan befindet sich die Hütter der Park-Ranger. Nachdem wir ihnen von unserer mißlichen Lage erzählt haben, erklärt sich einer von ihnen bereit, uns für 200 Rand mit dem Rangerauto zur Lodge zu
fahren. Cool! Mit einem Rangerauto!
Der Ranger weist uns an, unsere Sachen zu packen und mit ihm zum Auto zu kommen. Komisch nur, dass ich gar kein Rangerauto sehen kann. Vielleicht steht es hinter diesem Autowrack geparkt.
Zielstrebig geht der Ranger auf die Schrottkiste zu und öffnet den Kofferraum und die Türen. In gebührendem Abstand - wie bei der Schlange - stehen wir vor dem Auto und trauen uns nicht so recht
einzusteigen. Die Frage nach einer gültigen Hauptuntersuchung verkneife ich mir.
Wir stopfen so viele unserer Rucksäcke in den Kofferraum, wie es geht. Leider sind das nur zwei. Der Rest liegt quer über Anne, Joachim und mir, die wir uns in das Heck gezwängt haben. Dass das Auto
natürlich keine Anschnallgurte hat, brauche ich ja sicher nicht extra zu erwähnen. Aber wir haben ja zwei tolle Rucksack-Airbags, an denen außerdem zwei Paar übel riechender Trekking-Sandalen vor
unseren Nasen rumbaumeln.
Vergiß Löwen, Puffottern, Speikobras... das hier ist der wahre Thrill! Auf einer Schotterpiste mit tiefen Schlaglöchern fahren wir bei strömendem Regen mit kaputten Scheibenwischern mit geschätzen 80
km/h dahin. Nach einiger Zeit frage ich mich, ob ich mir das mit dem Linksfahren nur eingebildet hatte, denn unser Fahrer fährt beharrlich auf der rechten Straßenseite. Offensichtlich ist diese
Straßenseite in besserem Zustand. Leider sieht unser Fahrer auch vor Kuppen keine Notwendigkeit, nach links zu fahren. So drücken wir uns vor jeder Kuppe tiefer in die Sitze und hoffen, dass Murphy
nur einmal nicht Recht hatte!
Im Auto herrschen höllische Temperaturen. "Joachim, kannst Du bitte mal ein bißchen Dein Fenster aufmachen? Bei mir geht es leider nicht auf." "Geht nicht, kein Fensterheber." "Ok."
Nach einer schier endlosen Fahrt erreichen wir endlich die Lodge. Anne stürmt sofort davon. Ich frage mich, wie lange sie es sich wohl schon verdrückt hat, sich aber nicht fragen traute.
Anstatt der vereinbarten 200 drücke ich dem Fahrer 400 Rand in die Hand, der sich darüber sichtlich freut. Das ist in unseren Maßstäben eh sehr wenig Geld und er kann es sicher brauchen.
Eigentlich hatten wir geplant, heute noch weiter Richtung Krüger National Park zu fahren, aber da es aus unerfindlichen Gründen schon sehr spät ist, entscheiden wir uns, noch eine Nacht in der Sani
Lodge zu bleiben.
Unser Auto steht übrigens unangetastet auf dem Parkplatz der Lodge. Matthew empfängt uns auch mit einem deutlich merkbaren schlechten Gewissen. Vielleicht war es wirklich ein Mißverständnis, was die
Uhrzeit angeht. Im Augenblick ist es mir egal, ich bin einfach nur froh, lebend bei der Lodge angekommen zu sein.
Joachim, Andreas und wir beschließen heute abend noch richtig gemütlich Essen zu gehen. Auf der Fahrt hören wir Rock'n'Roll und singen aus voller Kehle mit. In einem netten Pub machen wir es uns
gemütlich und schließen unsere Wanderung mit einem hervorragenden Essen ab. Wir reden und lachen viel und lassen es uns so richtig gut gehen, bis auch dieser schöne Abend irgendwann zu Ende
geht.
Zurück in der Lodge sitzen wir noch ein wenig vor dem Ofen, starren ins Feuer und lassen die Wanderung vor unserem geistigen Auge Revue passieren, bevor wir alle vier todmüde ins Bett fallen.
Die Waldläufer