Tag 4 (4.10.07):
Wie es sich bereits am Vorabend angekündigt hatte, fallen jetzt dicke Regentropfen auf unser Zelt. Aus der Karte ersehen wir, dass es bis Dosso Del Liro nicht mehr weit ist. Als der Regen etwas nachlässt, packen wir zusammen, werfen unsere Regenklamotten über und ziehen los. Es ist erstaunlich, wie anders diese Landschaft im Grau wirkt.
Die letzten knapp fünf Kilometer wandern wir fast eben dahin, bis wir gegen Mittag die Kirche in Dosso Del Liro erreichen. Wir sind sehr überrascht, wie klein und ausgestorben diese „Stadt“ doch
ist. Wir haben einen netten Marktplatz mit Straßencafé und Geschäften erwartet, doch davon ist hier weit und breit nichts zu entdecken. Beim Blick auf den Busfahrplan stellen wir fest, dass der
nächste Bus erst spät am Nachmittag fahren wird. Da wir jedoch heute noch Südtirol und unsere gebuchte Pension erreichen müssen, können wir uns das zeitlich einfach nicht leisten. Unser
Alternativplan, einfach mit einem Taxi zurückzufahren, löst sich auf Grund der fehlenden Taxis fürs Erste in Luft auf.
Ich rufe die nette Dame im Tourismusbüro an und frage sie, ob sie uns ein Taxi nach Dosso Del Liro bestellen könnte. Leider sei dies nicht möglich, teilt sie mir mit, aber sie könne mir die
Telefonnummer eines Taxiunternehmens geben. Ob da jemand Deutsch spricht, frage ich sie, doch sie verneint. Das kann ja lustig werden…
Wie befürchtet gerät der Anruf zur Katastrophe. „Bon Giorno, signore, Taxi, Dosso Del Liro, a Menaggio! “ Ein italienischer Wortschwall ergießt sich über mich. Ich wiederhole meine klar gefasste
Ansage. Keine Reaktion. Plötzlich wieder eine undefinierbare Maschinengewehrattacke italienischer Wörter. Ich gebe auf und lege das Mobiltelefon verzweifelt beiseite. Das Städtchen ist wie
ausgestorben. Niemand ist da, der gerade in sein Auto steigt und zufällig nach Menaggio oder auch nur zur Küste hinunter fährt. Ich gehe zu dem nächstgelegenen Haus und betätige die Klingel. Auf dem
Balkon taucht eine ältere Frau im typischen Alte-Frau-Arbeitskittel auf. Wieder das gleiche Spielchen. Die Dame schüttelt immer nur den Kopf. Ich zeige ihr mein Handy, damit sie weiß, dass ihr nicht
einmal Kosten entstehen würde. Doch sie lässt sich nicht erweichen und schüttelt weiter den Kopf. Sie dreht sich um und ruft etwas in die Wohnung hinein. Einen kurzen Augenblick kommt ein ebenso
alter Mann vor die Tür und ich versuche erneut, ihm mit ein paar eingestaubten Lateinkenntnissen und entfernt italienisch klingenden Fremdwörtern mein Anliegen näher zu bringen. Er scheint zu
verstehen, ruft etwas zu seiner Frau zum Balkon hoch. Jetzt lacht sie und nickt mit dem Kopf. Auch sie hat verstanden. Ich frage mich, was die Frau vorher dachte, was ich möchte. Ihre Telefonnummer
abstauben?!
Kurz darauf stehe ich neben dem Mann und höre zu, wie er in Lichtgeschwindigkeit dem Taxifahrer Anweisungen gibt. Ein paar Brocken kann ich aufschnappen, darunter „carniculo“, was so viel heißt wie
Hündchen. Ich hoffe, dass Avari diese Demütigung nicht mitbekommen hat. Außerdem höre ich das Wort „Tedeschi“, Deutsche. Danach ein herzliches Lachen. Ich werde etwas misstrauisch und befürchte, dass
es sich bei dem Mann evtl. um einen Deutschen-Hasser handelt. Hoffentlich werden jetzt keine zwanzig Pizzen mit Hündchen zu uns geliefert…
Doch meine Sorge sollte unbegründet sein. Nachdem wir uns vielmals bei dem Mann bedankt hatten und wir ungefähr ein halbe Stunde gewartet hatten, kommt das ersehnte Taxi, das uns zum Wucherpreis von
60 Euro zurück nach Menaggio bringt.
Im Taxi sehen wir dem Regen zu, wie er unaufhörlich auf dem See kleine Kreise wirft. In Gedanken lassen wir die letzten Tage Revue passieren und sind uns einig, dass wir bei Gelegenheit den Weg
irgendwann einmal komplett laufen werden.
Die Waldläufer