Tag 3 (3.10.07):
Im Licht der Sonne sind die beiden Serienkiller, denen wir gestern Nacht beinahe zum Opfer gefallen wären, nur noch eine blasse Erinnerung. Zum Frühstück kocht Anne im Trangia Fertig-Rührei, welches jedoch überraschend gut schmeckt. Wir können uns bei der morgendlichen Prozedur gemütlich Zeit lassen, da die Sonne ein bisschen braucht, bis sie das klatschnasse Zelt erreicht und trocknet.
Auch heute wieder verdeckt kein Wölkchen den strahlend blauen Himmel und so können wir ungetrübt die wunderschöne Aussicht aus unserem Zelt genießen.
Bei der heutigen Strecke ist es erneut oftmals nicht einfach, den teilweise schlecht platzierten Wegmarkierungen zu folgen. Auch die Karte aus dem Tourismusbüro „Strada Di Pietra 1:30.000“ weist des Öfteren ganz erhebliche Fehler oder Mängel auf. So oft wie auf dieser Tour mussten wir bisher noch nie stehen bleiben und Wegmarkierungen suchen oder gar zurücklaufen, um die richtige Route wieder zu finden. Positiv ist zu vermerken, dass die Wegmarkierungen in der Tat in regelmäßigen Abständen angebracht sind, so dass man relativ rasch merkt, wenn man vom richtigen Weg abgekommen ist.
Nach dem nicht ganz so schönen Abschluss der gestrigen Etappe verläuft der Weg jetzt wieder durch schöne Landschaftsteile mit dem typischen Charme der urigen Bergdörfer, die in diesen Tagen
gelegentlich nicht mehr als Ruinen sind.
Unsere Mittagsrast machen wir auf einer Wiese mit einem tollen Ausblick auf das darunter liegende Val Dongana.
Nach kurzer Zeit taucht ein alter Hirte mit drei Kühen auf, der sich sogleich zu uns gesellt. Er wirkt etwas enttäuscht, als er feststellt, dass wir kein Italienisch sprechen. Merklich hatte er sich auf eine kleine Unterhaltung gefreut, die seinen Tagesablauf etwas auflockern würde. So bleibt uns nicht viel mehr zu tun, als mit ihm unsere Müsliriegel zu teilen und mit ein paar Brocken Italienisch die Schönheit seiner Heimat zu loben. Schon nach wenigen Sätzen scheint der alte Mann vergessen zu haben, dass wir seiner Sprache nicht mächtig sind, und plappert vergnügt darauf los, ungeachtet unserer Gesten, die ihn auffordern, doch wenigstens langsam zu sprechen. Ich glaube, für ihn war es schön, überhaupt mal wieder mit oder besser zu anderen Menschen sprechen zu können. Sichtlich beeindruckt mustert Avari des Mannes Hütehund, der blitzschnell den Hang rauf und runter saust und dabei die Kühe auf Kommando seines Herrchens immer wieder mit lautem Gebell auf die gewünschten Grasflecke treibt. Avari entschließt sich aber dann doch, lieber ihre verdiente Mittagspause in der Sonne im Gras liegend zu verbringen.
Die folgende Strecke führt uns in eine neue Landschaftsform. Die Wälder werden immer dunkler und dichter. Immer wieder kreuzen vergnügt vor sich hin plätschernde Bäche unseren Weg. Farne und Büsche breiten sich so dicht über dem Waldboden aus, so dass man fast den Eindruck gewinnen könnte, durch Regenwald zu laufen.
Am späten Nachmittag ist der Himmel bereits etwas zugezogen, als wir zur schönen alten Ponte Bodangheno über den wilden Fluss S. Jorio gelangen.
Nach einem erneuten Aufstieg erreichen wir die Abzweigung zum Rifugio Vincino und wir überlegen, ob wir dorthin aufsteigen sollen, da wir davon ausgehen, in der Nähe des Rifugios sicher einen
Zeltplatz zu finden. Doch schrecken uns die knapp vierhundert Höhenmeter Umweg im Auf- und Abstieg auf Grund unserer Müdigkeit all zu sehr ab. Und so laufen wir weiter auf dem Via Dei Monti Lariani
in Richtung Dosso Del Liro, unserem erklärten Ziel. Wieder folgt ein steiles Stück bergab, welches in unserer müden Verfassung besonders anstrengend zu bewältigen ist. Am Ende des Abstiegs erwarten
uns der Torrente (Fluss) Liro und die darüber führende Ponte Vincino.
Die Wildheit dieses Abschnittes ist atemberaubend. Doch diese Wildheit bringt auch einen gravierenden Nachteil mit sich: wir können weit und breit keinen geeigneten Zeltplatz finden. Auch lässt die
nahende Dunkelheit kaum Zeit, die Landschaft gebührend zu bewundern. Und so eilen wir weiter auf der Suche nach einem Platz für die Nacht.
Oberhalb eines namenlosen Dörfchens finden wir eine Stelle, auf der geradeso unser Zelt Platz findet. Wir sind nicht mehr besonders anspruchsvoll und so schlagen wir vorsichtig zwischen einigen
Dornensträuchern unser Lager auf.
Die Waldläufer