Tag 2 (2.10.07):
Der nächste Morgen begrüßt uns mit einem wolkenlosen Himmel und wir sehen der Sonne zu, wie sie sich immer weiter über den Comer See und die Berge ausbreitet.
Avari
Nach einem gemütlichen Frühstück bauen wir in aller Ruhe das Zelt ab, packen die Rucksäcke und laufen los, dem Dorf „Piazzuco“ entgegen.
Der Weg führt uns auf dünnen Pfaden entlang des Ufers von Dorf zu Dorf, manche wildromantisch und schön, andere heruntergekommen und dreckig.
Die Landschaft, die wir durchwandern, ist für ein so kleines Gebiet äußerst abwechslungsreich: herbstlich erstrahlende Bäume, klare Gebirgsbäche, helle Birkenhaine und goldene, steppenähnliche Felder lassen uns einen Glücksmoment nach dem anderen erleben.
Und immer wieder diese außergewöhnlichen Aussichten auf den See und die kontrastreiche Landschaft mit grün-goldenen Wäldern und schneebedeckten Bergen.
Bis auf knapp 1300 Meter führt der Weg. Am Scheitel des Kamms, der das Val Quaradella und das Val Dongana trennt, steht die Kirche S. Bernado. Von hier geht es 800 Höhenmeter hinunter. Meine Knie ächzen unter dem für sie anstrengenden Abstieg. Als Kind mochte ich bergab wesentlich lieber als bergauf, doch haben knapp 20 kg Gepäck und einige Entzündungen im Knie diese Einstellung von Grund auf geändert.
Als wir aus der Ortschaft Piazze, einem total heruntergekommenen und dreckigen Loch, herauskommen, verlieren wir den Weg komplett. Kein Wegweiser, keine Markierung weit und breit. Es sieht so aus,
als ob die Straßen saniert worden wären, vielleicht sind dabei auch die Markierungen irgendwie auf der Strecke geblieben.
So bleibt uns nichts anderes übrig, als der Asphaltstraße nach Garzeno zu folgen, die zwar nicht steil ist, dafür aber für uns den typischen, monotonen Trott einer Serpentinenstraße bedeutet. Nach
Überquerung des Flusses Albano auf 487 Metern müssen wir dann bis Garzeno wieder auf 662 Meter hinauflaufen. Kein besonders schöner Streckenabschnitt, wie wir beide finden. Und dementsprechend zieht
es sich dann auch gewaltig, bis wir endlich den Ortskern von Garzeno erreichen. Dort gönnen wir uns erstmal in einem Cafe eine Cola und einen Schokoriegel. Dem Auflauf auf dem Markplatz bei unserer
Ankunft nach zu urteilen, scheint der Weg in den letzten Jahren nicht allzu oft begangen worden zu sein. Vielleicht ist der Alltag in diesem trostlosen Dorf für diese freundlichen Menschen aber auch
nur so langweilig, dass die Ankunft zweier Wanderer schon einen Höhepunkt darstellt. Die halbstarken Jungs auf ihren Motorrädern vollführen Kunststücke, um uns – oder vielleicht auch nur meine Frau –
zu beeindrucken. Die Bambini, die zu jung fürs Motorradfahren sind, versuchen es mit Fahrradkunststücken.
Wir brechen schnell wieder auf, denn die Dämmerung steht schon in den Startlöchern und wir sind weit davon entfernt, einen passenden Zeltplatz gefunden zu haben. Also steigen wir nochmal 200 Meter
auf, bis wir in einigen hundert Metern Entfernung von dem verlassenen Dorf L’Avolo eine geeignete Stelle zum Aufbau unseres Zelts entdecken.
Bis wir uns häuslich eingerichtet haben und unser Abendessen einnehmen können, ist es bereits dunkel. Als sich plötzlich ein Auto dem Dorf nähert, überschlägt sich Annes Phantasie. Einbrecher,
Schmuggler, Mörder, Schleuser, Polizei… alles scheint möglich zu sein. Anne schafft es, mir auch ein mulmiges Gefühl zu bereiten und wir löschen vorsichtshalber das Licht im Zelt. Durch die
Dunkelheit beobachten wir, wie zwei Gestalten mit Taschenlampen um die Häuser streifen. Oh Mann, wie ich das hasse. Sobald man in der Natur ist, sieht man in jedem anderen Menschen, den man –
vorzugsweise natürlich nachts – wahrnimmt, einen potenziellen Serienmörder. Wir sind durch die Sicherheit unserer eigenen vier Wände und die von den Medien geschürte Panik in dieser Hinsicht schon
ziemlich gestört. Sicher sind die zwei Männer ganz normale Bauern aus der Umgebung, die nur etwas aus ihrer Hütte holen wollen. Diese Erkenntnis teile ich auch Anne mit. Trotzdem lasse ich
vorsichtshalber das Licht aus.
Nach einer Viertelstunde wird der Motor des Autos wieder angelassen und die beiden Männer fahren den Weg zurück, auf dem sie gekommen waren. Zum Abschied betätigten sie zwei Mal kurz die Hupe. Ich
komme mir selten dämlich vor.
Die Waldläufer