Tag 28 (19.11.2005):
Schon gegen 04:00 Uhr kämpfen wir uns heute aus unseren Schlafsäcken. Wir wollen heute die große Mittagshitze vermeiden und unser Glück bei den Tiersichtungen eher in den frühen Morgenstunden
versuchen.
Kurz nach Öffnung der Gates verlassen wir das Pretoriuskop Restcamp und brechen zur Fortsetzung unserer Fotosafari auf.
An einem Wasserloch, an dem man auch den Wagen verlassen darf, mampfen wir erst mal gemütlich unser Frühstück, während wir einigen Hippos dort beim Baden zusehen.
Kaum zu glauben, dass diese "Happy Hippos" in Wahrheit äußerst aggressiv und gefährlich sein können.
Nur ein paar Meter von unserem Platz entfernt sieht uns ein wunderschöner, ca. 40 cm langer Waran interessiert zu.
Die nächste Zeit bleibt es wider Erwarten eher ruhig. Inzwischen hat es auch ein bißchen zum Nieseln angefangen, wodurch sich unsere Angst vor der Mittagshitze als unbegründet herausstellt.
Und so fahren wir weiter durch den Park und suchen mit konzentriertem Blick die Umgebung nach weiteren Bewohnern ab. In einiger Entfernung können wir dann Nr. 3 der Big Five ausmachen: Den Büffel.
Eine ganze Herde solcher Kraftpakete frisst sich an den Gräsern des Parks satt.
Wir bekommen sofort ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns dabei ertappen, nach einiger Zeit ohne Tiersichtung unzufrieden zu werden. Es gibt nun mal keine Garantie auf Tiersichtungen. Und wir
können uns bislang eh nicht beschweren. Aber man wünscht sich halt doch sehr, einmal einen Leoparden auf einem Baum liegen zu erspähen. :wink:
Immer wieder treffen wir auf alte Bekannte, aber auch neue Tiere wie Gnus oder Hornraben kreuzen unseren Weg. Und auch als wir einigen Meerkatzen beim Spielen zusehen dürfen, geht uns das Herz bei
diesem Anblick fast über.
Doch genau diese Meerkatzen, die Velvet Monkeys, sind es, die unsere Mittagspause fast zu einem Albtraum werden lassen. Nachdem wir einen Rastplatz angefahren und gerade an einem Tisch unsere Brote
ausgepackt haben, kommen schon die ersten Meerkatzen zu uns. Zuerst umschleichen sie uns noch vorsichtig, doch dann werden sie immer aufdringlicher. Ein stattliches Exemplar versucht sogar, uns ein
Brot vom Teller zu klauen. Als Anne es verscheuchen will, wird sie von dem Tier mit entblößten Zähnen angegiftet. Es ist in der Tat ein eindrucksvolles Gebiß, welches uns da entgegen gefletscht wird.
Wir können nur froh sein, dass es sich nicht um Paviane handelt. Die Meerkatzen sind doch noch um einiges kleiner und "harmloser". Überall in dem Rastplatz sieht man Menschen ihr Essen mit Stöcken
oder Ästen gegen die aufdringlichen Affen verteidigen. Es wird uns ganz deutlich vor Augen geführt, was der Mensch hier wieder mit falsch verstandener Tierliebe angerichtet hat.
Wir schlingen also unser Essen lustlos hinunter und gehen zu unserem Auto zurück. Anne verschwindet noch schnell Richtung Toiletten und hat auf dem Weg dorthin noch ein deprimierendes Erlebnis:
"Als wir uns näher an das SB-Restaurant zurückziehen, sehe ich, wie in Pärchen - und es sind auch noch Deutsche - von den Affen umringt wird und höre, wie er zu ihm sagt: 'Gib ihnen halt 'ne Banane!'
Da platzt es quasi aus mir raus. Genau wegen solcher "Tierfreunde" werden die Affen schließlich so und müssen z.T. sogar erschossen werden, weil sie zu aggressiv sind. Die allgegenwärtigen "Don't
feed the baboons!"-Schilder haben schon ihren Grund. Das erkläre ich den beiden und sie stecken verlegen ihre Bananen weg - vermutlich bis zum nächsten niedlichen Affen."
Gegen Nachmittag löst sich die Wolkendecke langsam auf und die Sonne erwärmt den nassen Boden mit ihren Strahlen. Auf unserem weiteren Weg zum Satara-Rest Camp kommen wir durch "löwengarantierte"
Gegenden, haben aber diesbezüglich leider kein Glück. Tiere halten sich eben nicht immer an die von Menschen aufgestellten Regeln. Anne meint, dass die Leoparden im Park scheinbar auch nicht wissen,
dass Bäume ihre bevorzugten Rückzugsorte während des Tages sind...
Als wir im Satara ankommen, bleibt uns gerade noch Zeit, das Zelt aufzuschlagen, dann geht auch schon unser gebuchter Sunset-Drive los. Normalerweise machen wir nicht gerne geführte Touren, aber
dieser Drive startet erst, wenn die Gates für die normalen Besucher schon schließen. Und bevor wir nur untätig im Camp rumsitzen, schließen wir uns lieber dem Ranger "Chester" bei der Parkrundfahrt
an.
Schon kurze Zeit nach Verlassen des Camps das erste Highligth: eine Löwensichtung. Zwei Männchen liegen faul im Schatten eines Baumes. Die Kameras laufen heiß.
Plötzlich raschelt es im Gebüsch und ein Elefant betritt die Bühne. Auch er wird natürlich ausgiebig fotografiert. Als ob er spüren würde, dass er hier die Chance hat, einige Mißverständnisse beim Thema "König der Tiere" zurechtzurücken, geht er gemächlich auf die Löwen zu, was diese mit genervter Verwunderung quittieren.
Als der aufdringliche Eindringling langsam aber sicher immer näher kommt, erheben sich die Löwen gemächlich und schreiten von dannen.
Irgendwie scheint dies dem Elefanten nicht zu genügen. Mit wütendem Ohrenaufstellen und Rüsselschwenken läuft der graue Riese auf die Löwen zu. Jetzt ist es für die beiden Zeit, schleunigst das Feld zu räumen.
Genervt von dieser unverschämten Störung lassen sich die beiden in sicherer Entfernung wieder im warmen Gras nieder. Ich als Löwe sage natürlich zu Anne: "Der Klügere gibt halt nach..."
Nach diesem eindrucksvollen Schauspiel fahren wir geradewegs in einen afrikanischen Traum: ein Sonnenuntergang, wie er schöner nicht sein könnte, bietet sich uns hinter der wechselnden Kulisse von
Savanne, Palmenwäldchen, dicht bewaldeten Flußläufen und kleineren Dornendickichten.
Immer wieder bleiben wir stehen und beobachten in der Abenddämmerung Giraffen, Antilopen und Elefanten. Da die Lichtverhältnisse für Fotos nicht mehr optimal sind, hören wir lieber Jesters
Ausführungen über die Fauna im Park zu. Jester besticht durch ein ausgezeichnetes Fachwissen über Flora und Fauna und alle hängen gabannt an seinen Lippen.
Als es dunkel wird, fragen wir uns, was denn jetzt in der Dunkelheit noch kommen könne. Immerhin kann man jetzt gerade noch so weit sehen, wie die Scheinwerfer des Fahrzeugs reichen.
Doch unsere Skepsis sollte bald ausgelöscht werden.
Kurz nach Einbruch der Dunkelheit kommt uns auf einem kleinen Weg eine Löwin entgegen. Kurz hinter ihr ein junger Löwe. Und noch einer. Und noch einer. Insgesamt zehn Löwen streifen seelenruhig in
ca. einem Meter Entfernung an unserem Fahrzeug vorbei.
Es ist beeindruckend, wie gut dieses Jagdteam aufeinander abgestimmt ist. Auch wenn wir das Signal nicht wahrnehmen, so ist es doch auf jeden Fall da, denn gleichzeitig legen sich die Männchen auf
die Straße, während die führende Löwin die Vorhut bildet.
Nach einiger Zeit stehen auch die Männchen wieder wie auf Kommando auf und verschwinden in der Dunkelheit.
Völlig von den Socken von dem soeben Erlebten schaue ich zu Anne rüber, die meinen Blick mit traurigen Augen erwidert. Sie hat es nicht geschafft, viele brauchbare Fotos zu machen. Wir ärgern uns,
dass wir uns vorher nicht besser mit der Kamera vertraut gemacht haben. Doch traurig zu sein ist jetzt einfach nicht angebracht, das Wichtigste ist doch das Erlebnis an sich. Und das wird uns nichts
mehr nehmen können.
Und es sollte auch noch lange nicht alles gewesen sein.
Nur ein bißchen später sehen wir zwei helle, reflektierende Punkte auf der Wiese neben uns. Jester hält sofort an und fährt zurück: Ein Gepard!
Chester beginnt, klagend zu maunzen - und der Cheetah antwortet ihm tatsächlich, streicht unentschlossen hin und her, bevor er im Gebüsch verschwindet. Ich weiß, dass diese Begegnung für Anne ganz
besonders wichtig war, denn der Gepard ist für sie die schönste aller Raubkatzen: unglaublich elegant, das schnellste Landsäugetier, ein hervorragender Sprinter. Im ganzen Krüger Park gibt es nur 200
dieser außergewöhnlichen Tiere. Unser Glück ist unbeschreiblich!
Dieser Abend lässt uns gar nicht die Möglichkeit, unser Endorphin abzubauen: Nur ein paar Minuten nach der Begegnung mit dem Geparden blitzen wieder zwei Augen im Scheinwerferlicht. Diesmal ist es
ein Leopard, der dort nur wenige Meter neben der Straße sitzt. Sofort scheint sich dieses äußerst scheue Tier vor unseren Augen in Luft aufzulösen. Obwohl es im Park von ihm 1000 Stück gibt, sind
Begegnungen mit ihm auf Grund seiner Scheu sehr selten.
Annes Tagebuch:
"Ich bin gerade noch mit der Frage beschäftigt, womit wir wohl solches Tier-Glück verdient haben könnten, als schon der nächste Aufschrei ertönt: eine Löwin rechts neben der Straße. Chester deutet
ihre Absichten richtig: sie ist auf der Jagd. Links neben uns machen wir im Scheinwerferlicht, etwa zwanzig Meter neben uns, einige ahnungslose Impalas aus. Wir bleiben stehen und werden Sekunden
später Zeugen einer spektakulären Jagdszene: wie aus dem Nichts taucht die Löwin plötzlich aus dem Gebüsch auf und springt auf die Gazellen los, die wild auseinander spritzen. Das Ende bleibt im
Dunkeln verborgen, aber ein Schrei aus der Dunkelheit spricht für sich...
Wir sind sprachlos. In der Ergriffenheit des Augenblicks bleiben sogar die leichten Schauer aus, die mich sonst wohl angesichts solcher Tödlichkeit überlaufen würden."
Mir geht es da ein bißchen anders: Ich habe am ganzen Körper eine Gänsehaut!
Bis zur letzten Minute reißen die sagenhaften Sichtungen nicht ab. Auf dem Rückweg zum Camp steht plötzlich ein kleines Nilpferd vor uns auf der Straße und glotzt uns aus großen Augen an.
Und auch das süße Tüpfelhyänen-Baby, das staunend ins Scheinwerferlicht blinzelt, ist ein unvergesslicher Anblick.
Bei unserer Rückkehr ins Camp sind wir uns einig, dass dieses Erlebnis in Geld nicht aufzuwiegen ist. Wir drücken Jester, der den Eindruck erweckte, selbst nicht ganz glauben zu können, was er da
seinen Kunden präsentierten konnte, daher ein dickes Trinkgeld in die Hand.
Wir lassen diesen Tag, der sicherlich mit zu den schönsten in unserem Leben gehört, bei einem guten Essen im Camp-Restaurant ausklingen. Wir sprechen nicht viel, nicht weil uns nichts einfällt,
sondern weil wir noch so unter dem Eindruck des Gesehenen stehen und die Fahrt in Gedanken immer und immer wieder durchleben.
Die Waldläufer