Tag 27 (18.11.2005):
Es ist schon Mittag, als wir am Malelane-Gate vor dem Krüger National Park ankommen. Wir kaufen uns noch eine Broschüre und fahren dann voller Vorfreude in den Park.
Nur kurze Zeit später haben wir unsere erste Tiersichtung: Eine Giraffe, die seelenruhig die Blätter von den hohen Sträuchern zupft.
Hier merkt man dann deutlich, welche Besucher schon länger im Park sind, und welche gerade erst angekommen sind. Während einige Autos für die neben der Straße stehenden Giraffe nicht mal mehr
bremsen und sie keines Blickes würdigen, fotografieren wir dieses bizarre, aber auch schöne Tier ausgiebigst.
Eigentlich müssten wir inzwischen ja wissen, dass Tiere während der Mittagszeit für's Fotoshooting nicht zu begeistern sind. Und so fahren wir zwei Stunden umher, ohne auch nur ein einziges Tierchen
zu sehen.
Erst als es deutlich kühler wird, lassen sich einige der Parkbewohner wieder sehen. Leider nur aus weiter Entfernung und durch dichtes Buschwerk können wir einer Nashornfamilie beim Baden
zusehen.
Einer Intuition folgend biege ich in einen staubigen, unscheinbaren Weg ein, der laut der Karte eine kleine Schleife beschreibt. Dies stellt sich als goldrichtig heraus, denn in diesem von Autos
wenig befahrenen Abschnitt trauen sich die Tiere näher an die Straßen heran. Und so steht er nun nur wenige Meter von uns entfernt neben der Straße: Ein prachtvoller Breitmaulnashornbulle. Nummer 2
der Big Five!
Ein paar Minuten lässt sich das stattliche Tier von uns fotografieren, bis es irgendwann langsam von dannen schreitet.
In den folgenden Stunden treffen wir auf witzige Zebras, zierliche Zwergmangusten, faule Paviane und unzählige der süßen Impalas.
Ein witziges Erlebnis haben wir, als Anne links neben uns in gut 40 Metern Entfernung ein paar Kudus entdeckt. Wir bleiben natürlich sofort stehen, um mit dem Tele die Tiere auf die Speicherkarte zu bannen. Ich beuge mich vom Fahrersitz nach links zum Beifahrerfenster und versuche mit dem Fernglas die Tiere besser sehen zu können. Ich strenge meine Augen an so gut es geht, aber da ich sie nur sehr unschaft erkennen kann, lass ich Anne in Ruhe weiter fotografieren und will mir in der Zwischenzeit die Gegend rechts von uns ein bißchen anschauen. Als ich zum Fahrerfenster hinausschaue, stockt mir der Atem. Direkt neben unserem Fenster steht ein Kudu-Bock und kaut genüßlich an einem Strauch herum. Ich traue mich nicht, einen Laut von mir zu geben und "entreisse" Anne einfach die Kamera. Beim Blick durch die Kamera sehe ich nur braune Fellfläche. Der Bock steht für das Tele sogar zu nah! Schnell tausche ich die Objektive aus und schieße ein paar Fotos von diesem wunderschönen Tier mit seinem prachtvollen Hörnern.
Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein, aber ich kriege den Gedanken einfach nicht los, dass der Bock uns die ganze Zeit zugeschaut hat, wie wir uns die Augen aus dem Kopf geschaut haben, und
sich gedacht hat "Ihr Idioten, ich bin doch hier genau neben Euch!"
So eine Fotosafari macht wahnsinnig viel Spaß, ist aber zugleich auch "tierisch" anstrengend, weil man den ganzen Tag sehr konzentriert und wachsam ist, dass man auch ja kein Tier übersieht.
Wir erreichen rechtzeitig vor Schließung der Gates unser Lager Pretoriuskop, wo wir müde unser Zelt für die Nacht aufschlagen.
Kurze Zeit später sitzen wir aneinander gekuschelt vor unserem Zelt und bewundern den traumhaft schönen afrikanischen Sonnenuntergang.
Nach dem Abendessen machen wir noch einen Spaziergang durch das Camp. Es ist ein traumhafter Abend: Über uns leuchten unzählige Sterne und immer wieder fallen Sternschnuppen vom Himmel. Es ist
angenehm warm, aus dem Park dringen geheimnisvolle Tierstimmen und -geräusche an unser Ohr und Grillen zirpen überall um uns herum um die Wette.
Als wir gerade durch einen dunklen Bereich des Lagers spazieren, sehe ich plötzlich die Gestalt eines Tieres an uns vorbeihuschen. Mir bleibt fast das Herz stehen. Ein Raubtier auf der Jagd!!! Ich
sehe schon, wie sich die rassiermesserscharfen Zähne des Tieres in mein Bein bohren...
Anne schaltet ihre Taschenlampe ein und im Scheinwerferlicht stehen vor uns ein paar Impalas, die es wohl irgendwie durch den Zaun geschafft haben oder vielleicht sogar im Camp gehalten werden. Das
sind wieder die Geschichten, die ich mir danach jahrelang anhören darf: "Tja, manche fürchten sich eben vor Schlangen, andere vor Impalas!"
Die Waldläufer