Tag 22 / Giant's Cup Hiking Trail Tag 2 (13.11.2005)

Als ich morgens gegen 06:00 Uhr aufwache, bin ich überrascht, wie voll die Hütte geworden ist. Es sind aber keine Wanderer, die es sich in den Zimmern gemütlich gemacht haben, sondern Camper, deren Zelte den gestrigen Wolkenbruch nicht überstanden haben. Wieder einmal muss sich Anne einen meiner Vorträge über den Unterschied zwischen Billig- und Qualitätszelte anhören. Hab ich da ein Augenhochdrehen bei Anne gesehen? Egal... und so fahre ich mit den Ausführungen fort.

Gestern noch haben wir geplant, frühzeitig loszulaufen, um den 2 Uhr-Regen zu verhindern. Da wir eh sehr früh ins Bett gehen und auch aufstehen, schien uns dieser Plan sinnvoll. Jetzt sitzen wir mit gepackten Rucksäcken auf unseren Betten und schauen dem Regen zu, der sich über die Drakensberge ergießt.

Erst gegen 08:00 Uhr hört es wieder auf zu regnen und wir wagen uns nach draußen. Und wieder wandern wir durch endlose Weiten über grüne Wiesen umringt von den Tafelgipfeln der Drakensberge.

Nur Anne, ich und die Drakensberge

Auf der Karte ist eine Stelle mit dem Namen "Turtle Rocks" gekennzeichnet. Schon von Weitem sehen wir die schildkrötenförmigen Felsen, die neben uns am Wegesrand liegen. Anne will mir einfach die Geschicht über riesige, versteinerte Fossilien von Urzeitschildkröten nicht abnehmen.

Turtle Rocks - oder doch eher Muffin Rocks?!

Nach einiger Zeit erreichen wir eine Höhle, in der Wandmalereien der San-Buschmänner zu sehen sein sollen. Eine richtige Höhle ist es eigentlich gar nicht, sondern ein großer Felsüberhang, und auch die Höhlenmalereien finden wir erst nach längerer Suche. Sie sind bereits sehr ausgeblichen und kaum noch zu erkennen.

Zu unserer großen Freude reisst die Wolkendecke endlich auf und wir bekommen die Sonne zu sehen. Im Sonnenlicht haben die Drakensberge wieder einen ganz neuen Anschein. Weniger mystisch und düster, dafür freundicher und wärmer.

Immer wieder bleiben wir stehen und genießen die Aussicht über die Ebenen oder auf die zahlreichen schönen Landschaftsformationen.

Diesen Baum hätte ich sogar gerne im Nebel gesehen
Endlich blauer Himmel

Da das Wetter am frühen Mittag immer noch warm und sonnig ist, beschließen wir, ausgiebig Mittagspause zu machen. Ein flacher, ca. 1m hoher Felsen, der ca. 5 Meter vom Wegrand entfernt liegt, ist wie dafür gemacht, auf ihm Brotzeit zu machen. Ich gehe durch das wadenhohe Gras, lege meinen Rucksack auf den Felsen und klettere rauf. Anne folgt mir. Das nächste, was ich mitbekomme, ist ein Kreischen von Anne. Im nächsten Augenblick sehe ich Anne mitsamt ihrem 17 kg Rucksack auf den Felsen sprigen. "Was ist denn jetzt schon wieder?!" frage ich merklich genervt durch die Störung dieser friedlichen Stille.

Anne beschreibt die Situation folgendermaßen:
"Wir steuern auf einen großen Felsen etwas abseits des Pfades zu. Roland läßt seinen Rucksack darauffallen, ich bin etwas rechts neben ihm und will gerade das Gleiche tun, als ich rechts von mir ein drohendes Zischen vernehme. Halb aus dem Augenwinkel sehe ich, vielleicht einen Meter neben mir, eine erschreckend große, dunkle Schlange, die drohend den Kopf hebt.

Mit einem Kreischen hechte ich mich auf den Felsen - samt meinem Rucksack, der gerade noch so schwer erschien, dass ich ihn unbedingt absetzen wollte... Angst verleiht halt Flügel! ;)

'Was ist denn jetzt schon wieder?' fragt Roland (was heißt da eigentlich schon wieder??), bevor er die Schlange bemerkt. 'Hey, die lebt ja noch!' Aber ja lebt die noch, Schlauberger, sonst hätte sie mich kaum anzischen können.

Jetzt beginnt die Schlange - ich denke es ist eine Puffotter, und zwar ein ausgewachsenes Prachtexemplar - sich zu bewegen. Ich traue meinen Augen kaum, als sie auf uns zu gleitet: Will die etwa hier hoch??

Roland zückt seinen Wanderstock, aber die Schlange versucht nicht, auf den Felsen zu gelangen, sondern verschwindet unter ihm. Scheinbar haben wir uns ihren Wohnfelsen als Rastplatz ausgesucht."

Ich schaue der Schlange zu, wie sie unter dem Felsen verschwindet und hole unser Essen aus dem Rucksack.
"Das ist ja wohl nicht Dein Ernst, dass wir jetzt hier auf dem Felsen Brotzeit machen sollen, oder!? Wo wir genau wissen, dass da eine Schlange unter uns ist!" Anne hat normalerweise keine Angst vor Schlangen, im Gegenteil, sie ist von diesen schönen Tieren sehr fasziniert, aber die Erkenntnis, um Haaresbreite an einem Biß vorbeigeschrammt zu sein, hat sie verständlicherweise doch ein bißchen mitgenommen.
"Du wirst hier wahrscheinlich keinen Felsen finden, unter dem keine Schlange wohnt. Und jetzt sind wir schon drauf."

Puffottern unterscheiden sich von anderen Schlangen vor allem darin, dass sie sich nicht entfernen, wenn die Vibrationen des Bodens sich auf sie zu bewegen. Aus diesem Grund sind Puffotterbisse gar nicht so selten in Südafrika. Das Puffotterngift ist zwar nicht das giftigste, aber besonders einfach wäre es nicht geworden, von hier zu einem Arzt zu gelangen.

Gegen Mittag kommen wir bei unserer Hütte "Mzimkulwana" an. Die Hütten sind spartansich und eher ungemütlich eingerichtet, kein Vergleich zu den gemütlichen Räumen gestern.

Matthew hatte uns erzählt, dass viele Wanderer Hütten überspringen und den Trail in weniger als 5 Tagen laufen. Das wäre sicherlich möglich, aber für uns sind 5 Tage in den sagenhaften Drakensbergen sicher nicht zu viel und wir lassen es bei der Tour lieber ruhig angehen.

Da das Wetter immer noch schön ist, beschließen wir, erst einmal eine Runde Schwimmen zu gehen. Gleich neben der Hütte hat sich das Wasser eines Bachs in einem natürlichen Becken gesammelt. Da ich das Wasser erst testen möchte, stelle ich mich auf einer Schräge nur mit den Füßen ins Wasser. Plötzlich gerate ich auf der Schrägen ins Rutschen und gleite langsam aber unaufhaltsam immer tiefer ins eiskalte Wasser. Für Anne muss das sehr witzig ausgesehen haben, denn sie lacht sich halbtot. Allerdings nur so lange, bis ich sie mit dem Wasser vollspritze. Kurz und schmerzlos ziehe ich sie ins Wasser. Und wenn man erst mal drinnen ist, tut es wahnsinnig gut, darin zu plantschen.

Nach einiger Zeit im Wasser zieht sich der Himmel wieder zu. Schnell verlassen wir "den Pool", schmeißen uns die Handtücher über und fliehen in die Hütte. Es ist wie ein Déjà Vu: Kaum sind wir in der Hütte, bricht draußen ein Regenguß nieder. Der Deal scheint ja gut zu funktionieren!

In einiger Entfernung sehen wir zwei Gestalten mit großen Schritten auf die Hütte zu eilen. Andreas und Joachim haben es wieder nicht geschafft, vor dem Regen ins Trockene zu gelangen. Ich frage mich, was die beiden wohl angestellt haben?! ;) Da sie aber gute Regenkleidung haben, ist das nicht so schlimm, wie es für uns wäre. Die beiden legen mehr Wert darauf, morgens lange auszuschlafen und dann gemütlich loszulaufen. Anne und ich gehen lieber früh und genießen dann später die freie Zeit am Ziel.

Während ich selig meinen Nachmittagsschlaf halte, gibt Anne noch ihre Schlangengeschichte den beeindruckten Mitwanderern zum Besten.

Am frühen Abend zeigt sich noch ein wunderschöner Regenbogen über den Bergen.

Somewhere Over The Rainbow...

Und später scheint der Himmel über Lesotho zu brennen.