Tag 20 (11.11.2005):

Am Morgen hat sich der gestrige Neben bereits verzogen und lässt sogar Blicke auf die Gipfelplateaus der nahen Drakensberge zu, die gestern noch total nebelverhangen waren.

Heute sieht alles freundlicher aus und ich bin mir sicher, dass auch der Campingplatz und seine Bewohner jetzt weit weniger an "Dawn of the Dead" erinnern.

Auf unserer Weiterfahrt, die uns immer tiefer in die Drakensberge führt, machen wir eine kurze Pause am Straßenrand. Drei große Vögel finden uns anscheinend genau so interessant wie wir sie und drehen ihre erhabenen Kreise über unseren Köpfen. Wir glauben, sie als Lämmergeier identifizieren zu können.

Ornithologen aufgepasst: Lämmergeier?

Als Unterkunft haben wir uns für heute die Sani Lodge ausgesucht, eine recht alternative Backpacker-Unterkunft mit Zeltplatz, die auf dem Weg zum Sani Pass liegt. Der Sani Pass führt in den Enklavenstaat Lesotho und ist mit 2873 Metern der höchste Straßenpass Südafrikas.

Wir bauen unser Zelt auf dem Zeltplatz der Lodge auf und bereiten schon ein bißchen die Sachen für unsere morgige Trekking-Tour vor.

Room with a view

Kurze Zeit später beginnt es, wie aus Eimern zu gießen und wir verziehen uns in den Aufenhaltsbereich der Lodge. Die Lodge ist ausgebucht, aber wir sind die einzigen Gäste im Wohnzimmer und so können wir es uns mit einer Tasse Tee auf der Couch gemütlich machen.

Nach und nach treffen immer mehr total durchnässte Gäste der Logde ein, die auf ihrer Wanderung in den Drakensbergen vom Regen überrascht wurden. Inzwischen ist es auch richtig kalt geworden. Ja, so stellt man sich einen Frühling in Schottland, äh sorry, Südafrika vor!  
Matthew, ein Angestellter in der Lodge, heizt den Ofen mit Holz an und innerhalb kürzester Zeit ist die Lodge voll von wärmesuchenden Gästen. Es ist der für ein Backpacker's typische Nationalitätenmix. Von Holländern und Schweden über Franzosen und US-Amerikaner bis Baliner... Balines... einem Mädchen aus Bali ist alles dabei.

Anne unterhält sich mit einer Amerikanerin, die sie fragt, wie lange wir denn unterwegs seien. "Einen Monat!" antwortet Anne auf Englisch, in sicherer Erwartung einer bewundernden Reaktion wie "was, so lange!?", wie sie es aus Deutschland gewohnt war, wenn sie von unseren Plänen berichtete. Als Antwort bekommt sie jedoch nur ein kurzes "Oh.". Ich schiele über mein Buch rüber zu Anne, die sichtlich irritiert zu sein scheint. "Und Du, wie lange bist Du in Südafrika?" "Oh, weißt Du, das ist jetzt der zweite Teil meiner Weltreise. Beim ersten Teil bin ich für ein Jahr herumgereist, musste aber dann für die Hochzeit meiner Schwester nach Hause fahren. Jetzt möchte ich nochmal ein Jahr dran hängen. Aber ich habe Probleme, hier ein Visum zu bekommen, also werde ich wohl nur für drei Monate in Südafrika bleiben." Anne und ich könnten einen Wettstreit machen, wessen Unterkiefer näher am Boden hängt.

Der Regen scheint überhaupt nicht mehr aufhören zu wollen. Matthew teilt mir mit, dass das bisher der regenreichste Frühling in Südafrika ist, an den er sich erinnern kann. Meine Vorfreude auf den Giant's Cup Hiking Trail wird angesichts der Wetteraussichten nicht unbeding geschürt. Matthew versucht, mich aufzuheitern, denn eigentlich könne man mit dem Regen ziemlich gut planen. Jeden Tag fange es um 14.00 Uhr an zu regnen. Ich bin gespannt... Können wir auch irgendwann mal Trekking-Touren ohne Zeitdruck machen?! Entweder muss man irgendwelche Gezeiten abpassen oder die Regenzeit vermeiden... eigentlich sollte man doch trekken, um der Hektik zu entfliehen!

Um 21.00 Uhr kriechen Anne und ich in unser Zelt und schlafen bei dem gemütlichen Trommeln des Regens auf unser Zeltdach ein. Irgendwie freue ich mich jetzt doch wahnsinnig auf die morgen startende Tour.