Tag 19 (10.11.2005):
Bereits gestern abend war uns beim Blick auf die Karte klar, dass wir heute nicht viel Programm in den Tag packen können. Ein bißchen mehr als 700 km müssen wir heute bis zu unserer angepeilten
Tagesetappe Kokstadt hinter uns bringen. Wir möchten so nah wie möglich an die Drakensberge kommen, da übermorgen der Start des Giant's Cup Hiking Trails für uns gebucht ist.
Und so fahren wir nur mit wenigen Pausen auf der N2 Richtung Nordosten durch die Transkei, einer der ärmsten Regionen Südafrikas. Sowohl in den Reiseführern als auch auf den Schildern am Wegesrand
wird davor gewarnt, auf der Straße anzuhalten. Sogar die wenigen Verkaufsstände am Straßenrand soll man nicht anfahren, da das Risiko, Opfer eines Raubüberfalls zu werden einfach zu groß sei. Es ist
sehr schwer, diese von allen Seiten geschürte Paranoia zu unterdrücken. Wenn man die wirklich armseligen Behausungen und die zerlumpten Gestalten in den kleinen Ortschaften oder Townships sieht,
fällt es einem nicht schwer, die Motivation hinter solchen Überfällen zu verstehen. Was für eine unglaubliche Provokation muss es für diese Ärmsten der Armen darstellen, uns wohlhabende Touristen mit
unseren teueren Fotoausrüstungen zu sehen, während sie nicht einmal das nötige Geld zum Überleben haben?! Während der ganzen Fahrt fühle ich mich einfach nur schlecht und muss viel über diese Welt
und die Ungerechtigkeiten in ihr nachdenken.
Nach sieben Stunden erreichen wir das Städtchen Umtata, den Geburtsort von Nelson Mandela. Um diesen durch die lange Fahrt eintönigen Tag wenigstens ein bißchen aufzupeppen, beschließen wir, das
Nelson-Mandela-Museum zu besuchen. Leider sind wir sehr spät dran und können nur noch eine Stunde in dem Museum verbringen bevor es schließt. Das Museum besteht zu größten Teilen aus großen
Plakatwänden mit Auszügen aus Nelson Mandelas Biographie "Der lange Weg zur Freiheit", Fotos und historischen Schriftstücken. Viel besser fühle ich mich nach dieser eindringlichen Geschichtsstunde
nicht unbedingt, als wir die Fahrt Richtung Kokstadt fortsetzen und die immer noch vorhandenen Auswirkungen der Apartheid unverblümt vor Augen geführt bekommen.
Die Straße schlängelt sich immer weiter in wilden Serpentinen um Felsvorsprünge herum, unaufhaltsam nach oben. Als Nebel aufzieht, macht das die eh schon nicht einfach zu fahrende Strecke zur
Herausforderung. Anne neben mir auf dem Beifahrersitz fühlt sich merklich unwohl und rutsch bei jeder Kurve unruhig auf dem Sitz herum, wenn wieder unvermittelt aus dem dichten Nebel ein Lkw
auftaucht und auf uns zu zu rasen scheint.
Wir erreichen dann aber doch wohlbehalten unser Tagesziel. Kokstadt ist ein relativ unspektakuläres Städtchen, das auf mich ein wenig einen us-amerikanischen Eindruck macht. Wir haben leider keinen
Stadtplan, was die Suche nach dem Campingplatz sehr erschwert. Uns irritiert, dass es keine Schilder gibt, die uns den Weg dorthin weisen. Anne wählt die im Reiseführer angegebene Nummer, um sich zu
vergewissern, dass der Campingplatz noch existiert. Ein Mann am Ende der Leitung beschreibt uns den Weg und schließlich werden wir auch fündig. Allerdings trauen wir unseren Augen nicht, als wir
durch das Eingangstor fahren. Der Campingplatz erinnert eher an eine große Müllhalde. Kein einziges Zelt steht auf dem, was vielleicht mal eine Wiese gewesen ist. Nur ein paar verwahrloste Wohnwägen,
die sicherlich nicht zum Urlaub machen genützt werden, stehen auf dem Gelände verteilt herum. Ungepflegte und unheimliche Gestalten schieben Vorhänge zur Seite, als wir an den Wohnwägen vorbei in
Richtung Rezeption fahren. In unserer Vorstellung übelegen die Kerle schon, welche unserer Körperteile wohl am schmackhaftesten sind.
Als wir mit dem Auto vorfahren, kommt der Rezeptionist aus seiner Baracke und kommt auf unser Auto zu. Anne und ich überlegen, an wen uns der Kerl wohl erinnert. Wir einigen uns darauf, dass er einer
Mischung zweier Filmstars sehr nahe kommt:
Jeffrey "The Dude" Lebowski und Freddy Krueger.
Ich muss mich schwer beherrschen, nicht mit Vollgas und durchdrehenden Reifen davon zu rasen. Und so wünschen wir dem Herren einen schönen Abend und fahren gemächlich aus dem Campingplatz. Ich bin
mir noch heute sicher, dass der Rezeptionist uns traurig hinterhergeschaut hat...
In einem B&B namens "Rest assured" finden wir dann schließlich die zugesicherte und dringend benötigte Ruhe und schlafen erleichtert vor dem Fernseher ein.
Die Waldläufer