Tag 16 / Otter Trail Tag 5 (7.11.05):
Die Freude nach dem Aufwachen ist riesengroß: Aus einem (fast) wolkenlosen Himmel lacht uns endlich die Sonne entgegen!
Da an diesem Tag keine Flußüberquerung angesagt ist und es sowieso nur noch 6,8 km bis Nature's Valley sind, lassen wir uns beim Aufbruch Zeit. Obwohl die Wanderstiefel noch naß sind, führen uns das
schöne Wetter und die inzwischen sehr leichten Rucksäcke in ein Stimmungshoch.
Ein letztes Mal müssen wir steil hinauf, um gleich darauf wieder mit einer atemberaubenden Aussicht auf die sonnenbeschiene Küste mit unserem Quartier der letzten Nacht belohnt zu werden.
Blick zurück nach Osten auf die Hütten "André"
Von jetzt an gibt es keine nennenswerten Steigungen mehr zu bewältigen. Nahezu eben zieht sich der Weg an der Kante des Plateaus entlang. Es ist genau wie ich es erwartet hatte: im glänzenden Sonnenschein wirkt die Küste noch exotischer und verträumter, wenn auch nicht mehr ganz so wild und geheimnisvoll.
Immer weiter nach Westen dem Ende des Otter Trails entgegen
Des öfteren passieren wir abgebrannte Landschaftsstriche. Später erfahren wir, dass die Wanderer, die einen Tag vor uns auf dem Otter Trail wanderten, auf Grund des Feuers sogar evakuiert werden
mussten.
Nach ca. drei Stunden erreichen wir das offizielle Ende des Otter Trails. 41 wunderschöne, aber auch anstrengende Kilometer liegen hinter uns. Wie nach jedem Trek wechseln sich in mir Erleichterung
und Wehmut, Glücksgefühl und Traurigkeit ab.
Für den letzten Blick auf den traumhaft schönen Strand des Nature Valley Rest Camp lassen wir uns viel Zeit.
Nature Valley Rest Camp
Nachdem wir uns von dem Postkarten-Motiv losreißen konnten, machen wir uns an den Abstieg ins Tal. Ironischerweise wird die Flußdurchquerung, die mit keinem Wort in der Broschüre erwähnt wird, die
einzige, bei der wir naß werden. Der Abfluß eines Sees ins Meer, sonst wohl eher ein unbedeutendes Rinnsal, ist durch die anhaltenden Regenfälle der letzten Tage zu einem relativ tiefen Hindernis
geworden. Und so kommen wir doch noch zu unserer "richtigen" Flußdurchquerung"!
Nach und nach findet sich die ganze Gruppe in der Bar des Rest Camps ein. Wir blicken in müde und erschöpfte, aber gleichzeitig glückliche und erleichterte Gesichter. Amanda, die mich vor ein paar
Tagen noch zur Seite genommen hat und zu mir meinte: "Roland, I can't do that! I'm dying! What am I supposed to do?", platzt schier vor Stolz.
In der Bar findet das Wiedersehen mit André statt, der uns alle mit einem großen Pick-Up zurück zum Storm River Mouth kutschieren will. Leider hat er schlechte Nachrichten mitgebracht. Ein Band in
seinem Knöchel ist an- oder abgerissen und der Doktor meinte, dass die Wahrscheinlichkeit einer Operation hoch ist. Dadurch, dass er noch einen ganzen Tag weitergewandert ist, hat sich der Knöchel so
verschlimmert, dass er um die OP wohl nicht herumkommen wird. Trotzdem sitzt er mit uns gutgelaunt am Tisch und verkündet, dass er den Otter Trail nochmal machen wird, sobald er wieder fit ist. Dann
fügt er leise hinzu: "...from the point where I had to give up this time!" und zwinkert mir zu.
Jetzt gibt es erstmal für alle Otter-Trail-"Bezwinger" einen Himbeer-Likör und Urkunden. In der Mitte des "Biergartens" steht ein Baum, an dem unzählige Wanderstiefel hängen. Manche in Fetzen oder
nur noch durch ein Tape zusammengehalten, andere hingegen niegelnagelneu. Es scheint also Leute zu geben, für die der Otter Trail eine so abschreckende Erfahrung war, dass sie ihre Wanderstiefel
sprichwörtlich "an den Nagel gehängt haben". Das verstehe, wer will. Ich in keinster Weise.
Das Wandern ist scheinbar nicht jedermanns Lust.
Nachdem uns André alle mitsamt unserer Rucksäcke zurück zu unseren Autos gefahren hat, ist es Zeit, Abschied von dieser wirklich sehr netten Gruppe zu nehmen. Rührend wünschen Sie uns alles Gute
für unsere Hochzeit und die Ehe. Wir tauschen E-Mail-Adressen aus und ich verspreche, eine CD mit Fotos vom Otter Trail zu schicken.
Mit dem Auto geht es jetzt (übrigens völlig "überraschend" mal wieder durch heftigen Regen) 100 km weiter nach Jeffrey's Bay.
Während der Fahrt bin ich mit meinen Gedanken noch auf dem Otter Trail, der definitiv zu den schönsten Wanderungen zählt, die ich je machen durfte. Ich kann diesen Trek nur jedem empfehlen, der
vorhat, nach Südafrika zu reisen. Es ist wahrlich ein Must-Do! Kümmert Euch aber frühzeitig (ca. 1 Jahr im Voraus) um die Reservierungen!
Jeffrey Bay ist eine gepflegte Kleinstadt, die für Kenner ein Surf- und Wellenreit-Mekka darstellt. In der Hauptstraße reiht sich ein Surf-Shop an den anderen.
Wir haben einvernehmlich entschieden, uns heute nacht mal wieder ein bißchen Komfort zu gönnen und checken daher im schönsten B&B ein, das wir je gesehen haben: Das Lazee Bay aus dem Lonely
Planet.
Das Lazee Bay ist ein Gebäude in Form von zusammengesetzten Kästen, blau angestrichen und mit allen möglichen Meeresbewohnern bemalt. Ein Pool, verschachtelte Holztreppen, eine Feuerstelle und sehr
gemütliche und liebevoll-exotisch eingerichtete Zimmer perfektionieren den Gesamteindruck.
Unser Tipp für Jeffrey's Bay: Das B&B "Lazee Bay"
Wir erfahren in Jeffrey's Bay die nächste Konsequenz der Unwetter: Seit Vormittag herrscht in der ganzen Stadt Stromausfall. Daher bekommen wir noch ein paar Kerzen ins Zimmer gestellt. Wenn es
nicht zufällig der letzte Tag des Otter Trails gewesen wäre, hätte ich dies durchaus als romantische Amosphäre wahrnehmen können. Die nette Gastgeberin fragt, ob sie die getrennten Betten
zusammenstellen soll und wundert sich, dass sie von uns beiden nur ein emotionsloses Achselzucken als Antwort erhält...
Ein Supermarkt in der Stadt hat mittels eines Notstromaggregats sogar geöffnet. Nachdem wir uns mit Schokolade, Chips und Cola eingedeckt haben, machen wir es uns in den (immer noch getrennten)
Betten gemütlich.
Später am Abend geht der Strom wieder an. Nach einer heißen Dusche schlafen wir beide zwischen Chips und Schokolade vor dem Fernseher ein.
Die Waldläufer