Tag 13 / Otter Trail Tag 2 (4.11.05):
Angeblich erwartet uns heute das schwierigste Stück des Otter Trails. Ca. 7 km ständiges Bergauf und Bergab.
Ich bin wieder ein wenig angefressen. So ganz will ich mich mit der Wettersituation hier nicht anfreunden. Meiner Schätzung nach hat es maximal 13 Grad Celsius. Anne hat natürlich nicht Unrecht, wenn
sie sagt, dass es für so anstrengende Wanderungen ein recht angenehmes Wetter ist. Für mich ist es trotzdem eine Enttäuschung.
Lange Zeit hatte ich mich geweigert, nach Afrika zu fliegen, weil ich ein falsches Bild dieses Kontinents in meinem Kopf hatte. Für mich bestand Afrika fast ausschließlich aus Wüste oder Steppe. Der
Otter Trail war der Gegenbeweis! Wir tauchen ein in einen wunderschönen, in allen Grüntönen leuchtenden Wald. Immer wieder bleibe ich stehen, schließe die Augen und genieße den Augenblick:
Vogelzwitschern um uns herum, die Brandung des Meeres zu unseren Linken.
Diese Abwechslung ist es, die den Otter Trail so unvergleichlich macht:
Atemberaubende Blicke auf die Küste.
Flüsse, die es gilt zu überqueren.
Wälder, die einen beim Betreten sofort gefangen nehmen. Dichter, als man sie in einem sonst so trockenen Land erwarten würde, mit Lianen, allen möglichen grünen und blühenden Pflanzen, zwischendurch immer wieder mächtige, knotige alte Bäume und kleine, dunkle Bäche.
Auch ein paar einheimischen Tieren begegnen wir auf unserer Wanderung: Riesige, schwarz-glänzende Tausenfüßler, fingerlange Heuschrecken in braun, grün und orange, und alle möglichen Vögel.
Manchmal erhaschen wir sogar einen Blick auf einen Knysna-Lourie, einen wunderschönen, grün-roten Vogel, der jedoch viel zu schnell ist, um sich von uns auf Foto verewigen zu lassen. Das muss man ihm
lassen: Eitel ist er nicht.
Nachdem wir einige Stunden gewandert sind, beschließen wir, zum Ufer hinabzusteigen und nach einem schönen Rastplatz zu suchen. In einem isländisch anmutenden Fleckchen werden wir fündig und lassen
uns die Fertigsuppe schmecken.
Hier schmeckt die Suppe besonders gut.
Nach insgesamt ca. sechs Stunden für 7,9 km erreichen wir die zweite Hütte, Scott. Auf der Karte ist als Schnitt vier Stunden angegeben, was uns einiges Kopfzerbrechen bereitet, v.a. da wir mit großem Vorsprung vor den anderen angekommen sind und später sogar gefragt werden, ob wir denn geflogen wären. Wir denken bereits an die vierte Etappe, die 13,8 km lang ist. Das Problem an der Sache ist nämlich, dass am vierten Tag nach 10 km eine Flußüberquerung ansteht, wobei in der Karte dringend geraten wird, diese nur bei Ebbe zu machen. Aus der beigefügten Gezeitentabelle können wir entnehmen, dass die Ebbe um 12.00 Uhr mittags ist. Wenn man den Berechnungen jetzt zu Grunde legt, dass wir für 8 km sechs Stunden gebraucht haben, können wir davon ausgehen, dass wir, um mittags am Fluß zu sein, um 4:30 Uhr loslaufen müssten. Toll!! Wir beschließen, uns erst morgen darüber den Kopf zu zerbrechen und erholen uns stattdessen lieber von der zugegebenermaßen sehr anstrengenden Tagesetappe.
Die Hütten "Scott" - wieder wunderschön gelegen.
André, einer der Südafrikaner, hat sich am ersten Tag auf einem glitschigen Stein den Knöchel verstaucht. Als er an der Hütte ankommt, bietet er ein Bild des Elends. Der Knöchel scheint höllisch
zu schmerzen. Es tut einem schon weh beim bloßen Gedanken daran, wie er sich mit seinem schweren Rucksack über diese ständigen Auf und Abs geschleppt hat. Der Knöchel ist fast auf das Doppelte
angeschwollen. Verdammt zäher Hund, denke ich. Im Vergleich dazu kommt mir meine Schnittwunde fast lächerlich vor.
Noch früher als gestern liegen wir heute im Bett und schlafen auch sofort ein.
Hier möchte ich mal aus Annes Tagebuch zitieren:
"Wie immer muss ich nachts raus und zum ersten Mal in meinem Leben ist meine schwache Blase zu was gut: Noekie, eine der Südafrikanerinnen, wacht auf und warnt mich, sie hätten am Feuer wilde Tiere
gesehen. Zwei Stück, wahrscheinlich Leoparden! Ich sollte nicht den weiten Weg bis zur Toilette gehen und ich sollte die Hüttentür offen lassen, damit die anderen eventuelle Hilfeschreie hören
könnten! Mir ist sehr mulmig, als ich raus tapse. Leoparden soll es im Park tatsächlich geben. Was ich dann im Schein meiner Taschenlampe um die Feuerstelle schleichen sehe, ist eine wunderschöne
Wildkatze, aber meiner Meinung nach kein Leopard. Es schein ein adultes (Anne ist Tierärztin, normale Menschen würde wohl eher "erwachsenes" sagen ;)) Tier zu sein, etwa doppelt so groß wie eine
Hauskatze, mit runden Ohren, schwarzgetupftem Fell und sehr langem Schwanz. Vielleicht eine Wildkatze, ein Serval oder ein Caracal!? Was immer es auch sein mag, es zeigt recht wenig Angst vor mir.
Ich dagegen verzichte auf meinen Gang zur Toilette und befolge Noekies Ratschlag. Man weiß ja nie... sie meinte nämlich noch, das zweite sei größer! ;)"
Ich bin heute immer noch ein bißchen sauer auf Anne, weil sie mich nicht geweckt hat.
Die Waldläufer