Tag 12 / Otter Trail Tag 1 (3.11.05):

Selten habe ich so schlecht geschlafen, wie in dieser Nacht. Immer wieder beschäftige ich mich gedanklich mit den Waldbränden und ihren Folgen, für die Menschen und die Natur hier und auch für uns. Sollten wir heute nicht starten können, wird es diesen Urlaub sicher nichts mit dem Otter Trail. Am Vortag wurde uns am Telefon von einer Dame der Tsitsikama National Park Rezeption mitgeteilt, dass der Park selbst nicht evakuiert wurde. Allerdings war er aus keiner Richtung erreichbar, weil die Straße in beiden Richtungen gesperrt war.

Selbstverständlich würden wir unser Geld erstattet bekommen, falls der Trail heute auf Grund des Feuers nicht begehbar sein sollte. Ein nur sehr kleiner Trost...

Kaum bin ich vollends aus meinem unruhigen Schlaf erwacht, stürme ich aus dem Zelt und sehe mich in der Umgebung um. Alles ist naß und deutet auf viel Regen in der Nacht hin. Das macht Hoffnung.

Ohne noch einmal beim TNP anzurufen, fahren wir auf gut Glück los und sehen.... keine Straßensperre mehr an der gestrigen Stelle!!!! Die Sorge, dass diese lediglich um ein paar Kilometer näher zum TNP verlegt wurde, ist unbegründet: Ungehindert können wir bis zum Park durchfahren.

Die Fahrt ist alles andere als schön: immer wieder liegen beidseits der Straße verkohlte, noch rauchende Wald- und Steppengebiete. An einer Stelle sind sogar die Straßenschilder angekokelt. Rauchschwaden und Brandgeruch liegen in der Luft. Wenn es auf dem Otter Trail auch so stinkt, wird die Wanderung sicher alles andere als zum Genuß.

Einmal steht plötzlich ein großer Vogel mitten auf der Fahrbahn, sichtlich orientierungslos und verstört. Auch Hupen kann ihn nicht dazu bringen, wegzufliegen. Wir fürchten, er hat von dem Feuer Schaden genommen. Vielleicht ist er blind? Kein schönes Bild, das uns beiden lange Zeit nicht aus dem Kopf geht.

Endlich erreichen wir die Rezeption des Tsitsikama National Parks, wo wir uns für den Otter Trail melden. Wir erfahren, dass neben uns noch 10 andere Wanderer heute starten werden. Die maximale Kapazität also. Pro Tag dürfen nur 12 Wanderer (oder Trekker :wink: ) starten, was ich als sehr positiv erachte, weil man sich dann nicht auf den Füßen stehen wird.

Das Wetter ist immer noch kalt und naß, immer wieder regnet es. Ich kann nicht aufhören mich zu fragen, ob ich beim Umsteigen in Doha auch wirklich in das Flugzeug nach Südafrika gestiegen bin. So einen Frühling hätte ich vielleicht in Schottland oder Irland erwartet, aber sicher nicht in Afrika.

Trotzdem packen wir voller Tatendrang und unglaublich erleichtert unsere Rucksäcke. Bei dem Trail kann man ausschließlich in Hütten übernachten, das Zelt bleibt daher im Auto.

Noch in Deutschland wollte Anne sich einen großen 70L-Rucksack kaufen, aber aus meiner bisherigen Erfahrung war ich sicher, dass für eine 5-tägige Tour mit Hüttenübernachtung mein Katanga 70 und für Anne ein 40L-Rucksack locker reichen müssten. Doch unterschätze niemals einen absoluten Trekking-Neuling!

"Diese Packung Brot bekomme ich nicht mehr unter!" "WAS?!?! Wir haben 110 Liter Volumen! Wie können wir da unser Zeug nicht unterbringen?!" Unweigerlich muss ich an den Film Spaceballs denken und verkneife mir nur mühsam die Frage, ob sie denn ihren Föhn dabei hat.

Ehrlich, ich weiß bis heute nicht, was wir alles dabei hatten, aber ich tippe mal auf seeehr viel Wechselklamotten. Und natürlich viele Notfallreserven an Essen. "Für den Fall, dass uns etwas verloren geht." Aha.

So geht es aber fast jedem am Anfang: man tendiert einfach dazu, vorsichtshalber alles mitzunehmen. 'Sie wird beim Schleppen schon jedes überflüssige Gramm spüren!' denke ich und grinse schadenfroh vor mich hin. Bis mir auffällt, dass ja ich den schweren Rucksack trage.

Aber als Mann, von Geburt an in die Rolle des starken Beschützers und Versorgers gepresst, DARF man nicht die Frau den schweren Rucksack tragen lassen.

Die beiden vollgepackten Rucksäcke sehen nebeneinander gestellt aus wie Schwarzenegger und DeVito. Ich spüre, dass etwas nicht stimmt. Und mein Gefühl soll mich nicht täuschen: "Mein Rucksack sieht so klein aus im Vergleich zu Deinem!" Ich weiß echt nicht, was ich antworten soll.

Wenn man eine Frau hat, die sich nicht mit der Rolle des schwachen Frauchens abfinden will, ist das gut. Meistens. Und noch halten sich ihre Bedenken bzgl. des "viel zu kleinen" Rucksacks auch in Grenzen. Noch.

Nachdem wir fertig gepackt haben, fahren wir zum Startpunkt des Trails. Dort treffen wir zwei der Mitwanderer, André und Piet, zwei Südafrikaner, die uns erzählen, dass die restlichen Plätze komplett von ihrer Gruppe belegt seien. Es sind nette Kerle und ich mache mir über das Zusammenleben keine Sorgen.

Am Startpunkt des Otter Trails

Dann geht es los!

Direkt an der Küste schlängelt sich der Pfad am Waldrand entlang. Bald geht es die ersten Male bergauf und bergab, ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns die nächsten Tage erwarten wird.

Die perfekte Verbindung von Meer und Wald ist ein Pfad

Nach ca. 2 Stunden kommen wir an einen kleinen Wasserfall, der aber auf Grund der geringen Mengen an Wasser nicht sehr beeindruckend ist. Hier kehren die Tageswanderer um und der Otter Trail gehört nur noch den Trekkern!

Für ungefähr eine weitere Stunde führt der Trail entlang der rauhen See, die immer wieder mit tosenden Wellen gegen die Klippen bricht.

Zwar nicht die Wild Coast, aber trotzdem ganz schön wild

Dann erreichen wir die ersten beiden Hütten, NGUBU. Wunderschön liegen sie wenige Meter vom Wald und vom Meer entfernt! Sogar das Toilettenhäuschen hat eine Scheibe, durch die man den fantastischen Blick auf das Meer genießen kann.

Das erste Etappenziel: NGUBU

In jeder Hütte befinden sich sechs Schlafplätze in Dreierstockbetten. Während der Wanderung haben wir schon kurz unsere restlichen Mitwanderer kennengelernt und da eigentlich alle ein gutes Stück älter sind als wir, nehmen wir freiwillig die obersten Betten.

It's a long way from the top, if you wanna rock and ROLL!

Nachdem wir unsere Betten bezogen haben (d.h. Schlafsack drauf), machen wir uns noch einmal auf, um diese fantastische Stimmung draußen ein wenig länger zu genießen, bevor uns der Hunger wieder zurück zur Hütte treibt. Das Fauchen des Gaskochers verbreitet ein wohliges Gefühl der Gemütlichkeit.

Als es dunkel wird, werden wir von den zehn südafrikanischen Mitwanderern an ihr Braii-Feuer eingeladen. In gemütlicher Runde plaudern wir noch ein wenig mit ihnen und lassen diesen ersten Tag auf dem Otter Trail in gemütlicher Runde ausklingen.