Tag 1 (12.11.05)
Die Sonne strahlt am Himmel, Vögel fliegen fröhlich zwitschern hinter Insekten her, einige Gäster der Lodge liegen schon faul auf der Veranda in der Sonne....
Quatsch, natürlich nicht. Wie immer ist der Himmel wolkenverhangen und die Temperaturen kommen einfach nicht in einen angenehmen Bereich.
Während wir unser Zelt abbauen und die (jetzt etwa gleich großen ;)) Rucksäcke für den GCHT packen, reisst es dann aber doch ein bißchen auf. Bislang bleibt es aber nur ein Hoffnungsschimmer.
Das Frühstück wird in einem kleinen Gebäude 50 m von der Lodge entfernt serviert, dem Tea House. Aber wir sind uns einig, dass wir schon besser gefrühstückt haben. Egal, Hauptsache satt und gestärkt
für die Wanderung.
Wir kaufen noch eine 15 Jahre alte Karte von dem Trail, dann brechen wir gegen 08:15 Uhr auf. Matthew hat uns denn Tipp gegeben, nicht den ganzen Weg zum Startpunkt des Trails der Schotterpiste
entlang zu laufen, sondern bereits vorher in ein Bachtal einzubiegen. Dieser Weg münde dann nach einigen Kilometern in den Giant's Cup Hiking Trail und sei sogar schöner als der eigentliche Beginn
des Trails.
Wir befolgen also Matthews Rat und nehmen die Alternativroute, die uns immer enlang des Bachs nach oben führt.
Grünes AfrikaDen Bach müssen wir gleich mehrmals überqueren, was uns beiden großen Spaß bereitet.
"Bitte, bitte, bitte..."
Ob der eigentliche Anfang des Trails auch so schön gewesen
wäre?
Entlang dieses Baches führt uns der Weg Richtung
Giant's Cup Hiking TrailWährend ich gerade einen Wasserfall fotografiere, holt uns eine von einem Wanderguide geführte Gruppe von Tagesausflüglern ein. Darunter auch das Mädchen aus Bali, das mich bezüglich ihrer
Nationalität wieder zum Grübeln bringt.
Der Guide spricht uns an und fragt uns, welche Route wir gehen. Nachdem wir es ihm mitgeteilt hatten, fragt er, ob er uns zwei Leute seiner Gruppe für ein Stückchen des Weges anvertrauen könne.
Augenrollend erzählt er uns, dass die Amerikaner bereits am Ende seien und keinen Schritt mehr weiterlaufen wollen. Ungläubig schaue ich auf die vier im Gras sitzenden, wie Lokomotiven schnaubenden
Schwergewichtler.
Ein deutsches Pärchen möchte noch nicht umkehren, fühlt sich aber in Sachen Orientierung nicht fit genug, alleine wieder heimzufinden. Und so begleiten sie uns ein paar Kilometer durch das immer
schöner werdene Tal. Der Guide zeigt mir auf der Karte, welchen Weg wir sie runterschicken müssen. Dieser Weg führt geradewegs auf die Lodge zu, man darf eigentlich nur die Abzweigung nicht
verpassen.

Nach insgesamt zwei Stunden Wanderung erreichen wir den Giant's Cup Hiking Trail, der mit weißen Fußspuren markiert ist. Nach einer weiteren Viertelstunde kommen wir an die vom Guide gezeigte
Abzweigung und die beiden Deutschen verlassen uns in Richtung Lodge. Es wird immer schwüler und am Himmel türmen sich bereits dunkle Regenwolken auf. Ich habe ein Bild vor meinem geistigen Auge, wie
die beiden in der warmen Lodge bei einem Tässchen Tee sitzen, während wie gerade auf dem Trail von oben bis unten naß geregnet werden.
Nichtsdestotrotz ist der Trail einfach atemberaubend. Durch absolute Einsamkeit und Stille führt uns der Weg auf dem Hochplateau der Drakensberge entlang.
And the road goes on and on...Beide wandern wir völlig in Gedanken verloren in dieser scheinbar unendlichen Weite. Wieder einmal muss ich meine Vorstellung von Afrika revidieren und mir wird klar, warum Südafrika auch "Die Welt in einem Land" genannt wird. Die grünen, saftigen Hügel erinnern uns stellenweise an Irland.
Der Weg ist nicht sonderlich anstrengend, da er nur selten wirklich steil wird, sondern zumeist relativ flach und eben verläuft.
Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass die erste Hütte Pholela nicht mehr weit entfernt ist. Über uns beginnt es zu Grollen. Wir beschleunigen unsere Schritte, überqueren eine Hängebrücke und den
dahinter liegenden Campingplatz und erreichen dann unsere Hütte. Just in dem Augenblick als Anne hinter mir die Hütte betritt, kommt es zu einem Wolkenbruch, der alles unter Wasser setzt. Es ist
übrigens ziemlich genau 14:00 Uhr.
Das war knapp!"Glück gehabt!" meint Anne zu mir.
"Das war kein Glück. Ich habe einen Deal mit ihm, ..." Ich nicke hinauf gen Himmel... "dass wir nicht nass werden."
Außer uns ist die Hütte leer. Wir fragen uns, ob wir vielleicht sogar die einzigen Wanderer auf dem Trail sind. Die Hütte ist sehr komfortabel mit mehreren mit Teppichböden und Kaminen ausgestattete
Acht-Bett-Zimmern. Während Anne ein Weilchen schläft, mache ich in dem Kamin ein gemütliches Feuer.
Durch den Regen kommt unter einem Schirm eine Angestellte des Parks zu unserer Hütte und heizt den Wasserboiler für die Duschen an. Nachdem Anne wieder aufgewacht ist, machen wir erst einmal
ausgiebig Brotzeit. Die Pause auf der Wandrung heute haben wir auf Grund des Windes und der Kälte nur sehr kurz gehalten. Dementsprechend ausgehungert sind wir jetzt.
Während wir gerade genüßlich unser Mahl verspeisen, betreten zwei völlig eingepackte und durchnässte Wanderer die Hütte. Wieder sind es zwei Deutsche, Joachim und Andreas, die ebenfalls den Giant's
Cup Hiking Trail laufen. Beide sind sehr nett und ich mache mir keine Sorgen bezüglich der nächsten Tage.
In dem ausliegenden Gästebuch stellen wir fest, dass seit gut einem Monat niemand mehr den Trail gelaufen ist. Und auch sonst sind die Einträge eher spärlich. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass
der Trail - ähnlich dem Otter Trail - stets ausgebucht ist. Wir sind aber alle vier sehr froh darüber, nicht in vollgestopften Hütten um Schlafplätze kämpfen zu müssen.
Nach dem üblichen Nudelpampe-Abendessen und ein bißchen Schultermassage gehen wir frühzeitig ins Bett und schlafen sofort ein. Ich bin mir sicher, dass ich in meinem Traum noch einmal diesen schönen
Weg laufe.
Die Waldläufer